Ernst Meir Stern s.A.

Ernst Meir Stern s.A.
1943 – 2017

Am 9. Tischri 5778 (29. September 2017), wenige Stunden vor Jom Kippur, ist Ernst Stern von uns gegangen. Die riesige Menge an Trauernden, die ihm am 4. Tor das letzte Geleit gab, spricht für sein Wirken für und seine Beliebtheit in der Gemeinde.

Ernst Meir Stern s.A.

Herzensangelegenheit war ihm vor allem die Arbeit mit jungen Menschen, Generationen von ihnen war Ernst Stern Vorbild und Inspiration. Lesen Sie einen Nachruf von Giora Meron, Ex-Schomer und Freund über viele Jahrzehnte.

 

Wer von uns Schomrim kann je Ernstl's "Schomrim Hakschew! Amod Dom! Le Mifkad lehistader! Amod noah!" vergessen?

Seine Mifkadim haben das Ken Jahrzehnte geprägt.

Und nicht nur diese. Ernstl war ein wahres Multitalent, dessen Vielseitigkeit schwer in Phrasen zu gießen ist – noch dazu, wo er ja in seinem zweiten Brotberuf Journalist war, sein berufsmäßiger Umgang mit Worten also schon eine ziemliche Vorgabe darstellt.

Ich erinnere mich sehr gut, wie er uns mit G'schichteln aus dem Wiener Wochenblatt zum endlosen Lachen gebracht hat.

Weitaus ernster war dem Ernstl aber seine redaktionelle Tätigkeit in jüdischen Schriften, in Chewratenu, und später dann im Bund. Und da merkte man sein erlerntes Handwerk, seine Liebe zum Detail, seine Klarheit im Ausdruck in jeder Zeile, jedem Satz. Denn sein erstes Markenzeichen war die Schreibmaschine, ob im Ken oder der Redaktion. Da saß er dann Pfeife rauchend und Artikel schreibend vor der Schreibmaschine, gestaltete Layouts und korrigierte Bürstenabzüge.

Aber das war ja nur eine Facette – eine von Vielen...

So war er ja auch ein begeisterter Fußballspieler, und schrieb nicht nur Artikel zum Fußballclub SC Maccabi Wien, sondern spielte selbst – oft mit der Kniebandage. Sein Sohn Albert führt seit Jahren die Tradition als Funktionär weiter.

Geboren wurde Ernstl im November 1943 in Mauritius, der Insel im indischen Ozean. Er war also am Anfang seines Lebens einige Jahre ein internierter Jude – in einem jener Internierungslager, wo die Briten die Überlebenden der Schoah einsperrten, damit sie nicht nach Palästina gelangen können und die britischen Anbiederungen an die Araber stören – in flagrantem Widerspruch zu den Mandatsbestimmungen...

Die Versorgung mit Lebensmitteln und Bekleidung - die meisten Internierten hatten ja auf der Flucht auch das letzte Hab und Gut verloren und besaßen buchstäblich nur noch das, was sie auf dem Leib trugen - war, selbst gemessen an den Bedingungen des Krieges, völlig unzureichend.

Diese frühen Kindheitsjahre waren mit Sicherheit eine sehr prägende Erfahrung von Ernstl.

Mit etwa drei  Jahren kam er mit seinem Vater Isa und seiner Mutter Manci auf Umwegen nach Wien, um nach überlebenden Verwandten zu suchen. Anfangs waren sie oft in Tschechien, weil die Versorgung mit Nahrungsmitteln dort besser war als in Wien, wo Hunger herrschte. Deswegen sprach Ernstl als Kind besser tschechisch als Deutsch.

Ernstl absolvierte seinen Wehrdienst im Bundesheer bei den Pionieren in Korneuburg, und brachte von dort sein zweites Markenzeichen mit: Ähnlich wie Joseph Beuys ohne Hut nicht denkbar war, war Ernstls Alltags-Khakikleidung, Hemd, Hose und Kappe persönliches modisches Stilelemt von ihm.

In den frühen 60er-Jahren kam Ernstl in den Schomer Hazair. Er war unverzichtbarer Boger im Ken Storchengasse. Er war nicht nur Madrich und Maskir, sondern geradezu Mann für Alles und Jedes, und viele Dinge im Ken waren seiner Hände Arbeit zu verdanken. Was habe ich, was haben wir nicht Alles von ihm gelernt: Wachsmatrizen tippen und Zeichnen, Zeitung machen und vervielfältigen, zum Beispiel. Wenn es kalt war im Ken, war das unangenehm. Also mußte der Kohlenofen rechtzeitig eingeheizt werden -  Einheizen mit diesem Kohlenofen war eine eigene Herausforderung. So lernten wir den Umgang mit der Axt. Denn ohne Axt kein kleines Spanholz, und ohne dieses kein Feuer im Ofen. Alles, was es an Elektroinstallationen zu tun gab, vom Leitungen verlegen bis zum Einbauen von Lampen, war ohne ihn ja nicht denkbar – er hatte ja eine Lehre als Elektriker absolviert. Tischlerarbeiten, Malerarbeiten, Reparieren und mehr, das war neben vielem anderen auch sein Werk. Ernstl  hielt auch die Tradition der Pfadfinder im Haschomer hoch. Die von ihm vorbereiteten und geführten Tiulim und Geländespiele waren legendär, allerdings zugegebenerweise mitunter recht anstrengend. Orientierung und Bewegung im Gelände, Umgang mit Kompaß und Karte, Seilbrücken über Bäche konstruieren, Omega fahren gehörte zum Standardrepertoire.  Machanot vorbereiten war ebenfalls sehr spannend, wir errichteten gemeinsam hohe Fahnenmasten, Kanzeln für die Roschei Mifkad, Hindernisparcours, in glühender Sommerhitze und eisiger Kälte im Winter – wer erinnert sich nicht an die tollen Feuerschriften für die Mifkadim am Beginn und am Ende der Machanot?

Nachdem Ernstl nach Israel in den Kibbuz Lehavot HaBashan ging, wurde sein Plan, Alijah zu machen, plötzlich durchkreuzt: Sein Vater Isa starb 1967 völlig überraschend, und Ernstl mußte wieder nach Wien zurück. Ernstls Mutti Manci starb 1998.

Es ist wohl auch nicht überraschend, daß Ernstl bei all der Zeit, die er im Haschomer verbracht hat, dort auch seine Liebe fand. Er hinterlässt Fritzi, die mit ihm gemeinsam Madricha war, und den gemeinsamen Sohn Albert.

Eigentlich sollten hier zum Beispiel ja auch noch Ständer mit seinen Fotos stehen – er hat gemeinsam mit seiner Frau Fritzi ein ganzes Zeitalter Wiener jüdischen Lebens dokumentiert, und bei allen Schomerfesten haben sie aus dem Archiv die nettesten Bilder herausgekramt.

Das Ernstl Zeit seines Lebens ein Homo politicus war, dessen Herz nie wo anders als auf der linken Seite schlug, ist auch in anderem Zusammenhang als der Fotografie und dem Redaktionellen zu erwähnen: Er war sozusagen der personifizierte "Bund". Und dazu auch ein überzeugter Zionist, der nicht nur zur Zeit der Wahlen zum Zionistischen Weltkongreß die Werbetrommel für Israel rührte – so etwa zuletzt vor wenigen Wochen beim jüdischen Straßenfest.

An wie vielen Demonstrationen, Kundgebungen, oft und oft mit ihm organisiert, oder überhaupt von ihm initiiert, haben wir wohl teilgenommen? Gegen die Aktion Neue Rechte, für die Emigration der sowjetischen Juden, gegen die arabischen Terrororganisationen, anläßlich Jom Atzmaut, für Israel – es ist eine respektabel lange Liste.

Das Ernstl ein Schomer war, ist bekannt. Aber ich möchte auf den Wortstamm hinweisen, denn Schomer kommt von lischmor, von bewachen. Und Ernstl war auf vielen Ebenen ein Wächter : Er wachte in brisanten Zeiten, als die Araber überall Terror verübten, auf der Straße vor der Haustüre vom Ken in der Storchengasse. Er wachte bei Kundgebungen als Ordner. Er wachte vor der Synagoge, und er wachte vor der Schule, zuerst in der Castellezgasse, und dann bis ganz zuletzt vor dem Campus der neuen ZPC. Dabei hatte er den Vorteil, daß er ja fast alle Leute kannte – und daß wohl Alle ihn kannten.

Aber Ernstl wachte auch im politischen Sinne über unsere Gemeinde, und die Demokratie im Kultusvorstand.

War immer ein Einigender, der viel Verständnis für den Einzelnen, aber auch für das Ganze hatte.

Ernstl, Du fehlst uns jetzt schon.