„Wir brauchen ein neues jüdisches Leitbild“

KV Robert Sperling im Interview über zeitgemäße Traditionen, Werte und Perspektiven für unsere Gemeinde

KV Robert Sperlingbund: Der Bund war einmal die Speerspitze der jüdischen Arbeiterbewegung. Das war vor der Shoa. Danach war der Bund Jahrzehnte die führende Kraft in der IKG-Wien, stellte die Mehrheit und die Präsidenten. Heute sind wir eine kleine Partei. Ist die Zeit über uns hinweggegangen?

Sperling: Ganz im Gegenteil. Unser Programm und unsere Werte sind heute moderner und zeitgemäßer denn je! Allerdings gewinnt man in unserer Gemeinde, zu Recht übrigens, mit parteipolitischen Farbenspielen längst keinen Blumentopf mehr - egal, ob rot, schwarz oder grün. Anhänger von blauen soll es auch geben, aber wir wollen ja ein positives Gespräch führen…

Ich möchte hier lieber benennen, warum der BUND der BUND ist. Warum wir tun, was wir tun. Und warum man uns genau deshalb wählen sollte! Der Bund ist die älteste noch existierende jüdische Partei in Europa! Seit mehr als 100 Jahren vertritt der Bund Werte wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität. Wir spüren eine hohe Verantwortung jenen gegenüber, die schon vor Generationen für eine bessere, eine gerechtere Gesellschaft eingetreten sind. Das verpflichtet.

bund: Aber diese Tradition ist nicht nur Verpflichtung?

Sperling: Sie ist auch ein Alleinstellungsmerkmal. Der BUND steht für Kontinuität. Wir sind weder Zeitgeist-Erscheinung noch Zufallsprodukt, wie jene anderen Parteien, die praktisch im Takt jeder Neuwahl entstehen – meist gegründet von frustrierten Kultusvorstehern. Mit unserem Verständnis von Moral und Bewusstsein vertreten wir Werte, die heute in Gesellschaft und Politik - und auch in der IKG - mehr denn je benötigt werden!

bund: Stichwort Sozialpolitik. Stehen mittlerweile nicht auch die meisten anderen Fraktionen für ein dichtes Sozialnetz, Motto: Das alte Links ist die neue Mitte?

Sperling: Das stimmt. Soziales Bewusstsein reklamieren heute auch die Parteien der sogenannten Mitte, Gruppen ohne weltanschaulichen Unterbau und ohne gesellschaftspolitischen Anspruch für sich. Auch sie sind für gut dotierte Sozialbudgets und erkennen, dass es auch immer mehr Familien gibt, die Schwierigkeiten haben, materiell über die Runden zu kommen. Die Frage ist nur: Wie glaubwürdig, wie überzeugend, sind diese Gruppierungen?

bund: Du meinst, sie agieren in erster Linie populistisch?

Sperling: Ich möchte das lieber positiv formulieren: Dass sich jetzt auch andere diese Positionen aneignen, zeigt doch, dass immer mehr Menschen erkennen, dass etwas mit unseren Gesellschaften nicht stimmt. Die dunkle Kehrseite des gelobten globalisierten Freihandels ist eine Konzentration der Macht auf wenige weltweit agierende Großkonzerne, die von keiner staatlichen Regulierung mehr gebremst werden (können).

bund: Kommen wir nochmals auf Tradition und Werte zu sprechen...

Sperling: …die für Juden im Jahr 2017 immer noch große Bedeutung haben. Auch und gerade, wenn wir über religiöse Erziehung und „Stetl-Kultur“ hinausdenken!

bund: Das heißt?

Sperling: Wir brauchen ein neues jüdisches Leitbild, das aufbaut auf eben den Traditionen und Werten, die in der Schoa fast völlig vernichtet wurden, das aber, salopp formuliert, im 21. Jahrhundert „angekommen“ ist.

bund: Eine Art aktuellen spirituellen Überbau für die in den letzten Jahren in Wien geschaffene jüdische Infrastruktur?

Sperling: Genau. Und das Team des Bund, das sich mit mir der Wahl stellt, wird ein solches Leitbild entwickeln - und zwar, so haben wir das vor, gemeinsam mit den Mitgliedern unserer Gemeinde. Überhaupt steht dieses Team des Bund für Expertentum, Erfahrung und Engagement. Um vorerst nur einige anzuführen: Peter Munk etwa, langjähriger Verwaltungsdirektor und Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses, für seine Expertise im Gesundheitssektor österreichweit anerkannt und zuletzt mit dem goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich geehrt. Im Beirat im Maimonides Zentrum, langjähriger Ombudsmann der IKG-Wien, über alle Fraktionsgrenzen geschätzter Vorsitzender der Kontrollkommission. Oder Andrea Marhali. Sie ist als Mitarbeiterin des Fonds Soziales Wien ausgewiesene Gesundheits- und Sozialexpertin, also jemand, den die Kultusgemeinde eigentlich nicht entbehren kann. Und sie ist, als Frau eines in Wien „gestrandeten“ Israelis, auch Insiderin, wenn es darum geht, in Wien lebende Israelis an die Kultusgemeinde „anzubinden“. Und nicht zuletzt Albert Stern. Er hat in den letzten Jahren in der Jugendkommission und der Kommission für Integration und Zuwanderung ganze Arbeit geleistet, ist gemeinsam mit Andrea Marhali für das Bund-Konzept „Gesundheit und Soziales“ verantwortlich und hat sich zuletzt in der Statutenkommission mit konstruktivem Einsatz und Beharrlichkeit höchste Anerkennung erworben.

bund: wir beide werden dieses Interview in der nächsten Ausgabe des bund fortsetzen!

Der Bund auf