Warum die IKG dringend eine neue Arbeitsmoral braucht

Das bund-Interview mit KV Robert Sperling, Teil 2. Ein Gespräch über dringend notwendige Paradigmenwechsel in der IKG und die Entwicklung eines neuen jüdischen Leitbildes für das 21. Jahrhundert.

„…die einen wollten unbedingt Präsident werden, die anderen höhere Subventionen!“

KV Robert Sperling

bund: Wir haben zuletzt über die mehr als hundertjährige Parteigeschichte des Bund, über Traditionen und Werte gesprochen und darüber, dass heute eine Rückbesinnung auf diese Traditionen und Werte zeitgemäßer nicht sein könnte.

Sperling: Für die Würde des Menschen und für soziale Gerechtigkeit einzutreten, kann niemals „altmodisch“ sein. Im Gegenteil, das ist politische Verpflichtung in einer Zeit, in der „Geiz geil ist“, der Ellenbogen zum wichtigsten Körperteil erklärt wird, und der Schmäh-Begriff “Ich-AG“ die Selbstausbeutung in prekären Arbeitsverhältnissen schönfärben soll. Die Mitglieder des Bund Sozialdemokratischer Juden – Avoda teilen diese Überzeugung allesamt. Sie arbeiten ehrenamtlich…

bund: Das tun die Funktionäre der anderen Parteien allerdings auch.

Sperling: …und ohne jede persönliche Ambition - ausschließlich im Interesse der Gemeinde.   

bund: Unter dem Titel „Mit Herz und Hirn für die Gemeinde. Unser Team – Stimmen der Vernunft“ wird der Bund Sozialdemokratischer Juden - Avoda unter anderem auch in diesem Newsletter ab sofort sein Wahl-Team vorstellen.

Sperling: Der Titel ist mehr als eine Überschrift. „Mit Herz“ bedeutet, dass wir mit großer Emotion die traditionellen Werte Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Würde des Menschen fortschreiben. „Mit Hirn“ heißt, dass wir die Verantwortung, die die Wähler in unsere Hände legen, kompetent, konstruktiv und respektvoll wahrnehmen. Das bedeutet auch, dass wir – sehr im Unterschied zur schrillen Opposition – keine Machtspiele spielen und keine Partikularinteressen auf Kosten der Gemeinde verfolgen. Das Große und Ganze und vor allem, trotz ihrer Vielfalt,  die Einheit der Gemeinde ist unser Ziel.

bund: Die Einheit der Gemeinde ist ein gutes Stichwort für meine nächste Frage. Ist die Einheitsgemeinde wirklich in Gefahr?

Sperling: Nur, wenn die Wähler nicht auf die Stimmen der Vernunft hören - was ich aber nicht glauben will. Zumindest beweist aber der beschämende Konflikt um ein neues IKG-Statut, der die Arbeit im Kultusvorstand das letzte halbe Jahr gelähmt hat, dass wir eine neue politische Kultur brauchen. Eine neue Arbeitsmoral, die sich deutlich von der der schrillen Opposition der letzten Jahre unterscheidet. Die kreischt aus Prinzip „Skandal!“, wo es keinen gibt, heult „Diktatur!“, wo demokratische  Mehrheitsbeschlüsse erfolgen und fordert „Wahrheit!“ ein, wo sie selbst lügt. Diese seltsame „Arbeitsmoral“ unterstützt und befeuert neuerdings auch der Verein Bucharischer Juden, der aus reinem Eigeninteresse aus einer Koalition der Vernunft ausgeschert ist und nun gemeinsame Sache mit der schrillen Opposition macht. Da wollte der eine unbedingt Präsident werden - und befindet nun lieber, dass es für ihn „Zeit ist“ für den Nationalrat. Die anderen wollten vor allem höhere Subventionen für ihre eigene Agenda und zu Lasten des IKG-Gesamtbudgets. So kann man nicht vernünftig arbeiten!

bund: Aber genau das, nämlich vernünftiges Arbeiten, bietet der Bund den Wählerinnen und Wählern an.

Sperling: Der Bund verfolgt seit Jahren eine Politik der „kritischen Kooperation“. Egal ob als Teil einer Koalition der Vernunft oder als eigenständig handelnde Fraktion: Wir übernehmen Verantwortung, äußern Kritik, wo sie angebracht ist, und zeigen Missstände auf, wo sie auftreten.

bund: Ich komme nochmals auf die Einheitsgemeinde zu sprechen, und zwar im Zusammenhang mit einer drohenden Regierungsbeteiligung der FPÖ…

Sperling: Nur als Einheitsgemeinde haben wir die solide Basis, um der FPÖ auch weiterhin so zu begegnen, wie wir das in den letzten zwanzig Jahren getan haben. Jetzt, wo eine Regierungsbeteiligung der FPÖ nach der Nationalratswahl möglich bis wahrscheinlich ist, sind Klarheit und Kompromisslosigkeit im Auftreten gegenüber der Strache-Partei gefragter denn je. Ich stelle diese Frage öfters: Ist dazu auch die schrille Opposition fähig? Und ich spreche da noch gar nicht vom immer bedrohlicher werdenden Antisemitismus in Europa und vom stetig wachsenden Israel-Hass!

bund: Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang: Wir glauben, dass wir so etwas wie ein neues jüdisches Leitbild brauchen. Dass wir damit „einen Nerv getroffen haben“, beweist übrigens der Umstand, dass nun plötzlich sowohl Teile der schrillen Opposition als auch die Partei des Präsidenten von „jüdischen Leitbildern“ sprechen. Geschenkt und soweit, so gut! Der Bund hat dazu aber bereits sehr konkrete Überlegungen…

Sperling: Ja. Zwar stimmt - gerade für uns Juden - dass nur, wer seine Vergangenheit kennt, eine Zukunft hat. Und natürlich haben wir als Nachgeborene daher die Pflicht, an den blühenden wissenschaftlichen und kulturellen Schmelztiegel zu erinnern, für den das vernichtete europäische Judentum einst stand. Dennoch geht es um die Prägung und Gestaltung jüdischen Lebens hier und heute: Wie definieren wir Judentum, was bedeutet „jüdisch sein“ im 21. Jahrhundert? Gibt es mehr als eine jüdische Identität? Und wenn, wer oder was bestimmt sie? Welche Rolle spielt dabei der Staat Israel, welche seine Politik? Haben umgekehrt wir Juden in der Diaspora das Recht, ja die Pflicht, Einfluss auf Israel (und seine Politik) zu nehmen. Und wie begegnen wir künftig altem und neuem Antisemitismus in Europa?

bund: Zu diesen und weiteren Fragen startet der Bund Sozialdemokratischer Juden – Avoda unter den Mitgliedern unserer Gemeinde demnächst eine Umfrage, und wir werden uns natürlich auch per Newsletter um Ihre Antworten und Anregungen bemühen. Robert, danke für das Gespräch.

Sperling: Ich danke. Vielleicht sollten wir auch nochmals auf unser Wahlprogramm hinweisen…

bund: Selbstverständlich. Das komplette Wahlprogramm des Bund Sozialdemokratischer Juden – Avoda findet man in den letzten beiden gedruckten bund-Ausgaben und, natürlich, auf unserer Homepage www.bund-avoda.at

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