Drei Jahre nach dem 7. Oktober ist Antisemitismus in Österreich auf einem Höchststand. Amber Weinber, ehemalige Obfrau des Forums gegen Antisemitismus, spricht über eine gesellschaftliche Verrohung, israelbezogenen Antisemitismus, blinde Flecken im politischen Diskurs und warum sie trotz allem daran glaubt, dass Gespräche etwas verändern können.
Der aktuelle Antisemitismusbericht zeigt erneut einen deutlichen Anstieg dokumentierter Vorfälle. Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Wie würdest du die Lage für Jüdinnen und Juden in Österreich beschreiben?
Amber Weinber: Das Offensichtlichste ist für mich eine gesellschaftliche Verrohung. Antisemitismus ist von allen Seiten nicht nur salonfähiger geworden, sondern bleibt auch viel öfter unwidersprochen. Schon vor vielen Jahren wurde ich oft gefragt, woher der „schlimmste“ Antisemitismus komme. Meine Antwort war damals dieselbe wie heute: Es gibt nicht den einen schlimmsten Antisemitismus. Unsere Zahlen haben schon damals gezeigt, dass er von rechts, von links und aus islamistischen Milieus kommt. Heute sehen wir, dass er überall zunimmt. Das spüren wir nicht nur in Statistiken, sondern im Alltag: in sozialen Medien, auf der Straße, in Graffiti, Beschimpfungen und im öffentlichen Diskurs. Vieles ist heute sagbar geworden, was vor zehn Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.
Israelbezogener Antisemitismus macht inzwischen einen erheblichen Teil der dokumentierten Vorfälle aus. Woran erkennt man ihn?
Israelbezogener Antisemitismus ist ebenfalls kein Phänomen eines einzigen politischen Lagers. Er findet sich in ganz unterschiedlichen Spektren und wirkt dort manchmal sogar verbindend. Eine gute Orientierung bietet die IHRA-Arbeitsdefinition und die sogenannten drei Ds: Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung. Natürlich kann und soll man auch israelische Regierungspolitik kritisieren können. Problematisch wird es dort, wo Israel mit Maßstäben beurteilt wird, die für keinen anderen Staat gelten, wo klassische antisemitische Narrative auf Israel übertragen werden oder Israel stellvertretend für „die Juden“ steht. Gerade die Doppelstandards fallen auf. Warum richtet sich die Aufmerksamkeit dauerhaft fast ausschließlich auf Israel, während andere Kriege und Konflikte deutlich weniger Beachtung finden? Dass viele Menschen aufgrund persönlicher oder religiöser Verbundenheit emotional auf den Krieg reagieren, ist nachvollziehbar. Problematisch wird es dort, wo diese Emotionalisierung in Antisemitismus umschlägt und Jüdinnen und Juden in Europa plötzlich für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden.
Warum ist es wichtig, zwischen rechtsextremem, islamistischem und linkem Antisemitismus zu unterscheiden?
Nicht, um darüber zu diskutieren, welcher der schlimmste ist. Für Betroffene macht das im Moment eines Angriffs keinen Unterschied. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die unterschiedlichen Formen verschieden funktionieren. Sie bedienen sich anderer Narrative und anderer Radikalisierungsmechanismen. Nur wenn wir sie erkennen, können wir ihnen auch begegnen. Besonders wichtig finde ich dabei, den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu benennen. Es ist immer leicht, den Antisemitismus der anderen zu sehen. Schwieriger ist es, ihn dort wahrzunehmen, wo man sich selbst politisch oder gesellschaftlich zu Hause fühlt.
Gerade linker Antisemitismus wird häufig kontrovers diskutiert. Warum fällt seine Benennung vielen linksorientierten Menschen so schwer?
Weil viele Antisemitismus ausschließlich mit Rechtsextremismus verbinden. Tatsächlich begegnen mir oft Menschen, die gar kein geschlossenes antisemitisches Weltbild haben, sondern einzelne Narrative übernehmen, ohne deren Geschichte oder Bedeutung zu kennen. Deshalb ist Aufklärung so wichtig. Dabei habe ich beides erlebt. Eine langjährige Freundin, die sich seit Jahren gegen sexualisierte Gewalt engagiert hatte, bezeichnete den 7. Oktober als „Resistance“. Als ich sie darauf ansprach, dass an diesem Tag auch systematisch sexualisierte Gewalt verübt wurde, meinte sie sinngemäß, Widerstand sei eben nicht immer schön. In diesem Moment wurde mir klar, dass uns der gemeinsame moralische Nenner verloren gegangen war. Unsere Freundschaft endete dort, ein für mich sehr schmerzhafter Moment. Es gibt aber auch die andere Erfahrung. Ein Freund hatte über Monate Inhalte geteilt, die durchaus problematisch waren. Irgendwann schrieb er mir, ob wir uns auf einen Kaffee treffen könnten. Drei Stunden lang haben wir miteinander gesprochen. Am Ende sagte er zu mir: „Es tut mir leid. Ich bin auf Propaganda hereingefallen.“ Solche Gespräche zeigen mir, dass Veränderung möglich ist.
Viele Menschen übernehmen antisemitische Narrative, würden sich selbst aber nie als antisemitisch bezeichnen. Wie spricht man sie darauf an?
Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Oft fehlt nicht der gute Wille, sondern das Wissen. Ich habe erlebt, dass Menschen nach einem ruhigen Gespräch ihre Position überdacht und sich sogar entschuldigt haben. Gleichzeitig dürfen wir problematische Aussagen nicht einfach stehen lassen, nur weil sie „nicht so gemeint“ waren.
Was wird in der öffentlichen Debatte über Antisemitismus am häufigsten missverstanden?
Viele Menschen unterschätzen, wie existenziell sich Antisemitismus für Jüdinnen und Juden anfühlt. Für uns ist das keine abstrakte politische Debatte. Die Erfahrungen unserer Familien wirken bis heute nach. Dieses Gefühl permanenter Bedrohung verstehen viele Außenstehende nicht. Mich schmerzt auch die fehlende Solidarität. Gleichzeitig möchte ich nicht mit Pessimismus enden. Wir verlieren manchmal den Blick dafür, dass es auch viel Unterstützung gibt. Ich trage seit Jahren sichtbar einen Magen David und lange Zeit auch den Hostage-Pin. Natürlich gab es Anfeindungen. Aber ich wurde viel öfter von nichtjüdischen Menschen angesprochen, die mir gesagt haben: „Danke, dass du das trägst.“ Diese Begegnungen geben mir Hoffnung. Wir dürfen aus Angst den öffentlichen Raum nicht aufgeben. Ich verstehe jede und jeden, der vorsichtiger geworden ist. Gleichzeitig kann es auch stärkend sein, sichtbar zu bleiben. Antisemitismus ist lauter geworden, aber er darf nicht unwidersprochen bleiben.

