Kurz nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 haben wir mit dem ärztlichen Leiter von ESRA, Prim. PD Dr. Dr. Benjamin Vyssoki, über die unmittelbaren Folgen gesprochen. Damals standen Krisenhotline, Akutversorgung und die ersten Wochen nach dem Angriff im Mittelpunkt. Heute zeigt die Arbeit von ESRA, wie sich unsere Gemeinde seither verändert hat.
Der 7. Oktober 2023 war für die allermeisten Jüdinnen und Juden eine Zäsur. Gleichzeitig gab es die Hoffnung, dass mit der Rückkehr der Geiseln, einem Ende der Kämpfe und etwas Zeit auch die seelischen Wunden langsam heilen würden.
Heute wissen wir: Diese Hoffnung hat sich nur teilweise erfüllt. Krieg und die Sorge um Familie und Freunde in Israel dauern an. Hinzu kamen Rekordzahlen antisemitischer Vorfälle, Anfeindungen im Alltag und für viele das Gefühl, dass die Solidarität mit jüdischen Menschen geringer ausfiel als erhofft. Wie sehr sich das auf unsere Gemeinde ausgewirkt hat, zeigt die Arbeit von ESRA.
„Es gibt ein Davor und ein Danach.“
Für Benjamin Vyssoki beschreibt dieser Satz bis heute die Realität vieler Menschen. Aus einer akuten Krise sei längst eine dauerhafte Belastung geworden. Viele sorgen sich täglich um Angehörige in Israel, verfolgen die Nachrichten mit Anspannung oder erleben Antisemitismus heute unmittelbarer als jemals zuvor. Gleichzeitig habe sich auch das Sicherheitsgefühl verändert.
„Für viele ist eine Spur des Sicherheitsgefühls erschüttert oder sogar verloren gegangen.“
Diese Entwicklung spiegelt sich unmittelbar in der Arbeit von ESRA wider. Viele Menschen benötigen über einen längeren Zeitraum psychologische oder psychiatrische Unterstützung. Gleichzeitig haben sich die Themen verändert. Neben den Folgen des 7. Oktober beschäftigen viele mittlerweile wirtschaftliche Unsicherheit, Zukunftsängste und die dauerhafte psychische Belastung durch einen Konflikt, dessen Ende nicht absehbar ist. Besonders deutlich zeigt sich das bei Kindern und Jugendlichen. Vor vier Jahren betreute ESRA rund 250 bis 300 junge Menschen, heute sind es bereits mehr als 550. Gleichzeitig wurde das Angebot deutlich erweitert.
„Wenn mehr Menschen kommen und sagen: Ich brauche Unterstützung. Das ist etwas ganz Wichtiges, hier zu helfen.“
Für Benjamin Vyssoki ist diese Entwicklung nicht nur negativ, sondern auch ein Grund zur Zuversicht. Psychologische oder psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortung – sich selbst und den eigenen Angehörigen gegenüber. Je früher Menschen Unterstützung erhalten, desto größer seien die Chancen, Krisen gut zu bewältigen. Auch insgesamt überwiegt bei ihm nicht der Pessimismus.
„Ich glaube schon, dass weiter viel Resilienz da ist. Besonders wichtig ist dieses Gemeinschaftsgefühl. Wien hat wirklich eine sehr starke Gemeinde, vereint in Vielfalt.“
Darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis drei Jahre nach dem 7. Oktober. Unsere Gemeinde hat sich verändert. Manche Wunden werden noch Zeit brauchen, um zu heilen. Gleichzeitig zeigt die Arbeit von ESRA, dass immer mehr Menschen Unterstützung annehmen, wenn sie sie brauchen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck einer Gemeinschaft, die gelernt hat, offener mit Belastungen umzugehen. Seit dem 7. Oktober begleitet ESRA diesen Weg Tag für Tag und ist damit zum Spiegel einer Gemeinde geworden, die trotz allem ihre Zuversicht nicht verloren hat.

