Liebe Gemeindemitglieder, geschätzte Leser*innen!
Der Bund hat ein neues Gesicht. Ein Gespräch mit der neuen Spitzenkandidatin.
Dwora Stein hat sich Zeit ihres Lebens für andere engagiert. Die studierte Psychologin und Pädagogin war Bundesgeschäftsführerin der Gewerkschaft der Privatangestellten GPA, Vorstandsmitglied des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Vizepräsidentin der Wiener Arbeiterkammer. Sie ist Aufsichtsratsvorsitzende des Jüdischen Museum Wien und Vorstandsmitglied von ESRA. Ihr Einsatz im Kampf gegen die typischen Frauenfallen geringere Entlohnung, Unvereinbarkeit von Familie und Beruf und Altersarmut, ist beeindruckend. Nun kandidiert Dwora Stein für den Bund sozialdemokratischer Juden-Avoda. Ein Interview.
Bund: Dwora, du blickst auf eine beeindruckende Karriere zurück, die gesellschaftliches Engagement mit landesweiter Wirkmacht verbunden hat. Was hat dich bewogen, für den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien zu kandidieren?
Stein: Für mein persönliches Engagement sind Größe und Struktur einer Institution nebensächlich. Wichtig sind hingegen die Idee, die Aufgabe, die Ernsthaftigkeit dahinter. Und natürlich, ob man mit und vor allem für Menschen arbeiten kann. Deshalb schätze ich die IKG-Wien sehr! Ich habe die verschiedenen Einrichtungen der Kultusgemeinde in den letzten Jahren besser kennenlernen können, bin etwa Mitglied des Vorstandes von ESRA. Meine Erfahrung in großen Institutionen, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzten, möchte ich gerne in die Gemeinde einbringen.
Bund: Warum ist es der Bund geworden?
Stein: Ich habe während meines gesamten Berufslebens immer versucht, einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit und für sozialen Ausgleich, für Gleichstellung zu leisten. Diese Ziele vertritt auch der Bund. Darüber hinaus hat der Bund eine große Tradition. Ich möchte gerne einen Beitrag dazu leisten, dass Avoda auch eine Zukunft hat. Die Werte, für die der Bund steht, sind heute genauso wichtig wie vor hundert Jahren.
Bund: Kann eine kleinere Partei überhaupt etwas bewegen?
Stein: Da fällt mir die Antwort leicht, ich glaube an die Kraft des Arguments! Insofern kann auch eine kleinere Gruppe viel bewegen. Das hat der Bund ja auch bewiesen.
Bund: Welche sind die dringenden Probleme, mit denen die jüdische Gemeinde konfrontiert ist?
Stein: Aktuell spüren immer mehr Gemeindemitglieder die Folgen der Pandemie und des Angriffskrieges auf die Ukraine – Energiekrise, Teuerung, Zukunftsängste. Die Menschen werden von uns Unterstützung brauchen, die über die Verteilung von Spendengeldern hinausgeht. Die ist zwar wichtig, das reicht in der aktuellen Situation aber nicht.
Ein Anliegen sind mir auch die Gesundheitseinrichtungen. In ihnen leisten engagierte Menschen hervorragende Arbeit, insbesondere im Maimonides Zentrum und bei ESRA. Uns geht es aber um eine Weiterentwicklung, um die Anpassung an neue Herausforderungen und Bedürfnisse. So plädieren wir etwa für das Angebot mobiler Betreuung in den eigenen vier Wänden.
Ein weiteres Problem ist die Demographie. Unsere Gemeinde muss wachsen! Wir müssen jene, die sich bisher von der IKG-Wien nicht angesprochen gefühlt haben, gewinnen!
Bund: Wie können Lösungen aussehen?
Stein: Was die Unterstützung von Menschen in schwierigen Situationen anbelangt: Es muss einen rechtlichen Anspruch auf Sozialleistungen geben. Dazu braucht es Verschiebungen im Budget der IKG. Wie gesagt, Spenden sind gut und wichtig, aber sie können echte und nachvollziehbare Ansprüche nicht ersetzen. Was die Steigerung der Attraktivität der IKG für neue Mitglieder betrifft…
Bund: …ich darf hier einhaken! Der Bund hat neben sozialen Themen, neben der „Tagespolitik“, neben Fragen zur Verantwortung und zu Anstand und Ethik von Funktionsträgern auch das Thema jüdische Identität, jüdisches Selbstverständnis verfolgt. Dieses Thema in der Gemeinde breit zu diskutieren, könnte das helfen? Und was ist das eigentlich: „Jüdisches Selbstverständnis“?
Stein: Also ich denke schon, dass es hilfreich wäre, das zu thematisieren. Was mein eigenes jüdisches Selbstverständnis anbelangt: Angesicht unserer Geschichte und Leidensgeschichte war und ist es mir wichtig, mich überall zu meinem jüdisch sein zu bekennen, dazu muss ich nicht gläubig sein. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es zumindest vier Arten gab und gibt, jüdisch zu sein. Zu erfahren und breit zu diskutieren, wie andere ihre jüdische Identität leben, wäre nicht nur spannend, sondern extrem hilfreich. Die Institution Kultusgemeinde würde näher an die Menschen heranrücken und deren Bedürfnisse besser kennenlernen. Die Menschen wiederum würden sich gehört und – hoffentlich – angenommen fühlen!
Bund: Dann sollten wir das aufgreifen.
Stein: Ja, machen wir das!
Bund: Zu etwas anderem. Du hast dich immer als Kämpferin für die Rechte der Frauen gesehen. Wo steht unsere Gesellschaft heute in dieser Frage?
Stein: Es gibt Fortschritte. Aber es gibt auch Rückschritte. In vielen Köpfen herrscht immer noch die traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen vor. Frauen verdienen immer noch viel weniger als Männer. Altersarmut ist weiblich! Die aggressive öffentliche Debatte über den sogenannten „Genderwahnsinn“ macht mich zornig.
Bund: Unterscheidet sich das Frauenbild in unserer Gemeinde vom gesamtgesellschaftlichen?
Stein: Ich glaube nicht. Auch in der jüdischen Gemeinde gibt es nicht „das“ Frauenbild, aber in vielen Bereichen noch sehr traditionelle Vorstellungen, die einer Gleichstellung von Mann und Frau entgegenstehen.
Bund: Erlaube mir zum Abschluss unseres Gesprächs zwei persönliche Fragen. Du hast Familie in Israel…
Stein: Ja. Meine beiden Schwestern leben mit ihren Familien in Israel. Wir sind in engem Kontakt und besuchen einander regelmäßig. Auch dadurch ist mein Verhältnis zu Israel besonders intensiv und emotional.
Bund: Man kann dich regelmäßig in der Oper, in den Konzertsälen und den Theatern Wiens antreffen. Kurz, du liebst Kultur. War das schon immer so?
Stein: Meine Eltern haben sehr früh dafür gesorgt, dass meine Schwestern und ich zu lesen beginnen. Auch Theater und Musik haben unsere Kindheit und Jugend begleitet und sind für uns bis heute sehr wichtig und eine Quelle der Freude.
Bund: Dwora, ich danke für das Gespräch.
Das Gespräch mit Dwora Stein führte Robert Sperling
„Mein Ziel war es, arbeitenden Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen“ – Ein Gespräch mit der österreichischen Gewerkschafterin Dwora Stein (Podcast von Bet Debora Wien)
Für den Bund kandidieren:
Dr. Dwora Stein
Peter Munk
Marie-Therese Reisenauer
Michael Koling
Lea Schächter
Friederike Stern-Heller
Prof. Felix Lee
Andrea Marhali
Martina Malyar
Robert Sperling
Wofür steht der Bund: Unser Programm
